Aufnahmearbeit im I. Grad der Erkenntnisstufen unserer Ordenslehre am Dienstag, den 26. Februar 2008, 19.00 Uhr, im Logenhaus der Johannisloge „Zur Akazie“ i. O. zu Meißen Leipziger Straße 30, 01662 Meißen

Hochleuchtender Provinzialmeister, hochwürdige, würdige und geliebte Brüder!

Mein lieber Bruder Christian Isheden!

Zunächst, lieber Bruder, darf ich Ihnen als Pate und Redner zu Ihrer Aufnahme in die Johannisloge „Zum Goldenen Kreuz“ und in den Orden gratulieren. Nachdem im Rahmen der Aufnahme die wichtigen Arbeitsmittel der Loge und die Arbeitstafel vorgestellt wurden, möchte ich im Folgenden „Das Freimaurerische Symbol, sein Wesen und seine Wirkung“ darstellen. Da bereits Vieles am heutigen Abend darüber gesagt wurde, fasse ich mich kurz, ohne jedoch Wesentliches zu unterschlagen!

Ich beginne mit den Grundlagen unserer Kunst. Was ist das Ziel der Königlichen Kunst? Was will die Freimaurerei bezwecken? Die Antworten auf diese Fragen finden wir in der Ordensregel, wo es heißt: „Der Freimaurerorden verlangt von jedem Mitglied ständige Arbeit an der Ausbildung seiner Persönlichkeit. Vernunft und Gewissen, innere Freiheit und Selbsterkenntnis sowie das Bewusstsein der Verantwortung sind wesentliche Mittel, sich der Erkenntnis des Ursprungs, des Wesens und der Bestimmung des Menschen und allen Seins zu nähern.“

Bis zu diesem Ziel ist es ein weiter Weg. Fast möchte man sagen: „Der Weg ist das Ziel!“ Für mich führt dieser Weg über das Finden der eigenen Mitte von Ausgeglichenheit, Harmonie und kontemplativer Ruhe. Wenn wir dieses Zwischenziel erreicht haben, sind wir immer noch unterwegs, aber doch schon ein gutes Stück Wegs weiter gekommen. Aber wie gehen wir voran? Wie sehen unsere Hilfsmittel aus?

Eines der wichtigsten Hilfsmittel ist das Symbol. In der Freimaurerei ist letztlich fast alles symbolisch: der Raum als Werkstätte, die Arbeit, die Werkzeuge und Zierrate, die Kleidung, die Bewegungen, die Sprache und das Ritual. Das Wesen der Symbole ist rein rational kaum zu erfassen; das Wesen des Symbols muss vielmehr erlebt werden. Das Symbol richtet sich nicht vorrangig an den Verstand, sondern an das Gefühl und ist somit auch nur seelisch-emotional erlebbar.

Aber warum ist das Symbol für uns und unsere Arbeit von so zentraler Bedeutung? Hierzu sei ein Blick in die Geschichte erlaubt. So weit unsere Traditionen reichen finden wir Symbole und Mysterien, die Ausdruck abstrakter Ideen oder transzendenter Vorstellungen waren. Alle Lehrarten der Freimaurerei verwenden weltweit Symbole, Mysterien und Erkennungszeichen. So finden wir in allen maurerischen Lehrarten drei Johannisgrade, Winkelmaß und Zirkel, die drei Säulen der Weisheit, Stärke und Schönheit und Aufnahmegebräuche, die sich ähneln. Die freimaurerischen Symbole sind das Konkrete im Allgemeinen und weisen uns den Weg, Unerklärliches verständlich zu machen. In der Freimaurerei haben Symbole damit die Aufgabe, Inhalte zu transportieren, die der Weiterentwicklung des Menschen dienen.

Unser Bruder Johann Wolfgang von Goethe drückt es in den „Sprüchen in Prosa“ so aus:

„Das ist das wahre Symbol, das im Besonderen das Unerforschliche als lebendige Offenbarung des Allgemeinen repräsentiert.“ Ein Symbol verbindet also eine Bedeutung, einen Sinn mit einem Gegenstand oder einem Bild. Der Betrachter erahnt die Bedeutung des Symbols hinter dem äußeren Erscheinungsbild und ergründet die verborgene Idee durch Abstraktion des Besonderen vom Allgemeinen.

Im Symbol wird Geistiges sinnlich wahrnehmbar und das reale Leben wird in eine bedeutungsvolle Bildlichkeit gehüllt. Das Symbol verleiht schwierigen Denkinhalten eine allgemeinverständliche Sprache und kann Gegenständliches in Geistiges erheben!

Im täglichen Leben sind wir ständig von Symbolen umgeben, ohne dass wir sie noch als solche erkennen. Verkehrsschilder, Firmenzeichen und Logos gehören heute zum allgemeinen Alltagsbild. Inzwischen gibt es auch eine eigene Wissenschaft über die Symbole, die Semiotik. Auch neugeborene Kinder werden in die christliche Gemeinschaft durch die symbolhafte Handlung der Taufe aufgenommen. Und welch ein empfindlicher Verlust ist es, wenn wir unseren Ehering verlieren. Aber auch Staaten haben ihre Symbole als Flaggen mit Wappen und selbst die Wallstreet symbolisiert steigende oder fallende Aktienkurse als Stier oder Bär. Überall, wo Abstraktes zum Ausdruck kommt, wird die Idee durch ein Symbol beschrieben. Selbst Schriftzeichen sind Symbole für das Wort und das Wort für einen Sinn.

Sogar die Naturwissenschaften und die Philosophie lehren, dass die Erforschung der uns umgebenden Natur, nicht bei der Wahrnehmung von Sinneseindrücken aufhören kann. Unsere Sinne nehmen nur den Schein der Außenwelt wahr, aber nicht das wahre Sein. Damit ist selbst die von uns wahrnehmbare Natur Symbol für die unsichtbaren, zugrundliegenden Naturkräfte. Darin stimmt die Metaphysik des Altertums mit der Wissenschaft unserer Tage überein, dass die wahre Idee hinter den Objekten liegt.

Wenden wir uns nochmals dem Ausspruch Br. Goethes zu. Er charakterisiert die wahre Symbolik als den Ausdruck des Unerforschlichen im Allgemeinen. Dahinter steht die Erfahrung, dass sich die Dichter und Denker aller Zeiten der Symbole bedienten. Schon die ägyptischen Priester verbargen ihre Geheimlehren in Symbolen. Jede Religion greift zur Veranschaulichung transzendenter Vorgänge zum Symbol. Der griechische Philosoph Pythagoras stellte sein ganzes System in Form einer symbolischen Zahlenlehre vor, weil er die Zahl für das Wesen aller Dinge hielt.

Auch die Freimaurerei greift aufgrund ihrer hohen Abstraktion zum Symbol, um sich auch dem Unerleuchteten mitzuteilen. Weil sie also Unerforschliches offenbaren will, hat sie sich – bildlich gesprochen – in ein symbolisches Gewand gehüllt, weil ihre Lehre abschließend mit Worten nicht zu vermitteln ist. Ein Hauptprinzip dieser Symbolik ist die Einfachheit. Nur das Einfache wird gern und oft genutzt. Wie Töne, in einfache Intervalle gesetzt, harmonische Akkorde bilden, so vermitteln auch die einfachen Bilder der Freimaurerei in ihrer Gesamtheit dem Suchenden einen tieferen, verborgen Sinn.

Und trotzdem ist die Königliche Kunst für viele Brüder nur schwer verständlich und ermüdet wenden sie sich ab, weil sie den tieferen Gehalt der Lehre nicht verstehen. Dies liegt aber nicht an der Maurerei, sondern am mangelnden Bemühen dieser Brüder. Oft sind sie des Suchens müde oder dünken sich über die Ordenslehre erhaben und ergehen sich in Phrasen reinen Gutmenschentums. Aber ihre Worthülsen werden schnell entlarvt. Diese Brüder gleichen einem Lehrling, der sich vermisst, gleich am ersten Lehrtag ein Schloss zu erbauen. Dies geht nicht, weil er den Sinn der Lehre noch nicht begriffen hat. Dieser ergibt sich erst als Ergebnis langen und eifrigen Forschens.

Auch im bloßen Zuhören erschließt sich der Sinn unserer Lehre nicht. Könnte das Wesen der Freimaurerei ausschließlich mit Reden vermittelt werden, dann brauchten wir die Logen nicht. Sie sind Werkstätten des Lernens und Arbeitens. Jeder von uns muss sich aufrichtig, mit verschwiegenem Ernst und eifrigem Bemühen der Lehre widmen, will er sie verstehen. Dies geschieht auf dem mystisch-symbolischen Weg des Suchens, Anklopfens und des Bittens. Letztlich kann Weisheit also nur erworben werden, wenn sie erarbeitet wird. Darum dürfen wir alle als Lehrlinge, Gesellen und Meister nicht ermüden, uns im Gebrauch unserer Werkzeuge gegenseitig zu unterweisen.

Doch wie wirken die Symbole auf uns, wie verändern sie uns?

Jedem neu Aufgenommenen wird zugemutet, sich mit der allegorischen Sprache der Freimaurerei vertraut zu machen. Die weißen Figuren auf der schwarzen Arbeitstafel wirken zunächst recht geheimnisvoll. Erst nachdem der Lehrling die Symbole nach entsprechender Unterweisung in Gruppen einzuteilen weiß, erhält das Ganze Übersicht. Dann strahlen sie in majestätischer Einfachheit und ästhetischer Hoheit. Aber beim rein ästhetischen Aussehen bleiben wir nicht stehen. Wir erhalten Erläuterungen über die Zeichen und erkennen ihre tiefere Bedeutung. So werden wir vom Konkreten zum Abstrakten geleitet.

Hierbei fällt auf, dass die Erklärungen der Symbole in den Akten äußerst knapp sind. Dahinter steht die Absicht des Ordens, keine erschöpfenden und abschließenden Abhandlungen über die Bedeutung der Sinnbilder zu geben. Der Orden tritt damit dem Eindruck entgegen, etwas Abschließendes mitteilen zu wollen. Auch werden die Instruktionen nicht im Detail ausgeführt. Angehende Freimaurer könnten sonst glauben, bereits ausreichende Kenntnisse erworben zu haben, wenn sie den Inhalt der Instruktion gelernt hätten.

Vorträge und Instruktionen sind aber eben nur Anregungen zu eigener Beschäftigung. Instruktionen erheben nie den Anspruch, etwas Fertiges vorzustellen. Dies vermeidet die Ordenslehre. Sie will durch Andeutungen zu selbständigem Forschen anregen. Knappe Sätze geben hier die Richtung vor. Den individuellen Weg muss jeder selber finden!

Darin könnte die Gefahr liegen, vom rechten Weg abzuirren und eine willkürliche Deutung der Sinnbilder vorzunehmen! Aber dies verhindern schon die kurzen Direktiven der einzelnen Erkenntnisstufen der Ordenslehre. Gleich im Ersten Grad wird die Arbeitstafel mit ihren für alle Grade verbindlichen Symbolen erklärt. Bereits im Ersten Grad lernen wir zudem die dreifache Bedeutung unserer Symbole kennen, nämlich deren ethische, historische und mystische Bedeutung.

Betrachten wir nur kurz diese drei Bedeutungen! Die erste Symboldeutung ist die ethische und leitet von der konkreten Beschaffenheit der Symbole Regeln für unser Verhalten ab. Diese Regeln sollen in unser bewusstes und unbewusstes Handeln übergehen. Wenn uns die ethische Bedeutung des Winkelmaßes im Osten der Arbeitstafel erklärt wird, erkennen wir dessen wahren Nutzen als Symbol.

Das Winkelmaß sagt uns, wir sollen unsere Handlungen am ethischen Gesetz abmessen und rechtwinklig wandeln. Damit bewirkt dieses einfache Zeichen mehr, als dicke Bände moralischer Abhandlungen. Bei inhaltsschweren Moralpredigten haben wir ohnehin oft bereits deren Anfang vergessen, bevor das Ende kommt. Das Winkelmaß verlieren wir aber nicht so leicht aus den Augen. Die daran geknüpfte ethische Lehre ergibt sich aber wie selbstverständlich und ungezwungen.

Aber nicht nur zu ethischer Auslegung regt das Symbol an. Es lenkt auch unseren Blick auf die Gesellschaft in der wir leben mit ihrer Geschichte. Aufstieg und Verfall sind der ewige Kreislauf der Geschichte, der mit dem Winkelmaß göttlichen Rechts und göttlicher Gerechtigkeit vermessen wird. Dies ist die historische Bedeutung dieses Symbols.

Von der Weltgeschichte lenkt das Symbol mit seiner mystischen Bedeutung den Blick auf das unendliche Universum. In der unermesslichen Ferne der Sonnenheere, finden wir das Winkelmaß des Gesetzes als Urkraft der Gravitation sogar an den Grenzen des Universums, wo Sonnen und Planeten durch die Schwerkraft auf ihren Bahnen gehalten werden.

Als Werkzeug prüft das Winkelmaß die Güte winkelgerechter Arbeit. Das Winkelmaß verbindet die Prinzipien der Wasser- oder Setzwaage in seinem horizontalen Schenkel mit dem Prinzip des Senkbleis im vertikalen Schenkel. Die mittelalterliche Setz- oder Wasserwaage, wie auch das Senkblei – also die Symbole für den I. und II. Aufseher als die Personifizierungen von Vernunft und Gewissen – beruhen in ihren Wirkungsweisen auf dem Prinzip der Schwerkraft. Diese Symbiose der von der Schwerkraft ausgerichteten Werkzeuge bindet die Himmelskörper an ihre Bahnen und sorgt für den Zusammenhalt der Galaxien.

Das Universum folgt also einem Naturgesetz, das im mystisch-symbolischen Sinne durch das Winkelmaß symbolisiert wird, das für uns Ausdruck göttlichen Rechts ist. Das Winkelmaß, das als Symbol auch die Brust des Meisters schmückt, findet somit seine mystische Entsprechung im Weltall, das von der Hand des Dreifach Großen Baumeisters beherrscht wird.

Damit ergibt sich die mystische Deutung des Winkels. Die Freimaurerei lehrt uns damit, dass nichts klein oder groß, unbedeutend oder bedeutsam ist. Was wir in zurückgezogener Kontemplation im Kleinen erkennen, finden wir auch im großen Tempelbau des Unendlichen wieder.

Ich habe mit diesen wenigen Andeutungen versucht, am Beispiel des rechten Winkels das Wesen und die Wirkung der maurerischen Sinnbilder darzustellen. Dies kann auch mit allen anderen Symbolen der Freimaurerei entwickelt werden. Das Symbol befähigt uns, eine Vielzahl von Gedanken zu fokussieren und uns deren Bedeutung zu vergegenwärtigen. In der Erkenntnis des Symbols empfinden wir weder leere Gedankenkonstrukte, noch tote dogmatischen Festlegungen. Denn letztlich sind wir aufgerufen, die Bedeutung der Symbole für uns selber zu erforschen. Was wir also aus der Freimaurerei machen, bleibt uns selber überlassen!

Lieber Bruder Christian Isheden!

Ich wünsche Ihnen bei Ihrer Beschäftigung mit den freimaurerischen Werkzeugen und ihrer reichen Symbolik viele neue Einsichten und Schlüsselerlebnisse. Mit Ihrer heutigen Aufnahme soll symbolisch ein inneres Licht entzündet werden, das den Schlüssel zum tieferen Verständnis der Königlichen Kunst in sich trägt. Wie Bruder Goethe sagte, „die wahren Symbole sind die lebendigen Offenbarungen des Unerforschlichen“. Solche lebendigen Offenbarungen des Unerforschlichen wünschen wir Brüder der Johannisloge „Zum Goldenen Kreuz“ Ihnen zu Ihrer Aufnahme von ganzem Herzen!

Es geschehe also!